Das grösste Agglo-Verbrechen Luzerns

Kultz, Juli 2022

Der Schlund ist das hässlichste Stück Agglomeration im ganzen Kanton. Die Krienser No-Go-Area ist unrettbar verbaut und verloren. Eine Tour am Fusspilz des Pilatus.

Allein dieser Name: SCHLUND! Als ob man jederzeit vom Fegefeuer verschluckt würde. Es täte mich nicht überraschen. Und ich hätte nichts dagegen, weil schlimmer aussehen kann’s dort unten nicht. Und wesentlich heisser als in dieser unbarmherzigen Beton-Gewerbe-Wüste wird’s auch nicht sein.

Der Schlund benennt eigentlich den Bereich im hinteren Rachen zwischen Mundhöhle und Speiseröhre. Das passt zu diesem Niemandsland hier – eingequetscht zwischen Allmend, Horw und dem Krienser Zentrum. Man hat’s einfach wuchern lassen, ohne jegliche wahrnehmbare Planung. Ein lustiger Widerspruch zu den angrenzenden Schrebergärten.

Für das Agglo-Verbrechen Schlund hat man einst saftiges Wiesen- und Sumpfland geopfert. Mit der Bahnlinie kam das Gewerbe. Mit dem ersten Autobahnabschnitt der Schweiz nahm das städtebauliche Verbrechen ab 1953 seinen Lauf.

Diese Verschwendung von Land

Ein Luzerner Architekt sagte mir über den Schlund einmal: «Das ganze Gebiet wurde in den 90ern ‹verchachelt›. Da waren jegliche Planung und Vision fern, wie dort eine Stadtentwicklung stattfinden könnte. Man weiss nicht mal, wer schuld ist an diesem Schlamassel …»

Ich mache mich auf, die No-Go-Zone im Süden Luzerns zu erkunden. Ich beginne meine Tour beim Eichhof und nähere mich via Allmend langsam dem Schlund. Ich wage mich mit dem Velo in diese vom Motor-Verkehr geprägte Verschwendung von Land.

Gewagte Gegensätze, reizvolle Räume, vergessene Ecken und brachliegende Versprechen zeichnen urbane Räume aus. Der Schlund hat nichts davon. Der Schlund hat: ein monströses Zelt, in dem Autos feilgeboten werden, menschenfeindliche Architektur, Mac Baby und McDonalds in Rufdistanz. Und die trügerische Idee, dass sich mit dem seelenlosen Downtown Matten-/Schweighof etwas zum Besseren verändert.

Parkplätze! Der Schlund ist ganz auf die motorisierte Klientel ausgerichtet. (Bild: jwy)

Stilleben im Schlund. (Bild: jwy)

Die Gegend wird von überambitionierten Verkehrsbauten dominiert. (Bild: jwy)

Die verwilderte Ecke des Schlunds. (Bild: jwy)

Alles trägt den Pilatus im Namen – auch das Einkaufszentrum. (Bild: jwy)

Hoch hinaus will hier nur der geplante Pilatus-Tower. (Bild: jwy)

Es gibt zwar eine S-Bahn, doch im Schlund regiert das Auto. (Bild: jwy)

«Hohe Ansprüche» sucht man vergebens

Allen Ernstes finden die Damen und Herren vom Standortmarketing: «Das Schlundgebiet erfüllt hohe Ansprüche.» Dafür müsste überhaupt ein Anspruch erkennbar sein. Hoch hinaus will nur der geplante Pilatus-Turm beim Mattenhof neben der sicher dringend nötigen Pilatus-Arena.

Sowieso immer der Pilatus: Der Schweighof soll aus der Einöde ein attraktives Wohngebiet «am Fuss des Pilatus» machen.

Sie propagieren 2000-Watt-Wohnen, verbauen aber Beton, als gäb’s kein Morgen. Sie propagieren die nahen Wege, aber alles schreit hier nach lauten, dicken und stinkenden Monstertrucks. Der Schlund, der Fusspilz des Pilatus.

Und plötzlich ein idyllischer Veloweg …

Die eigentliche Sehenswürdigkeit des Schlunds ist eine Riesenkrake aus Beton. Es handelt sich um den monströsesten Kreisel weitherum mit 40 Metern Durchmesser. Ein völlig unzeitgemässer Strassengigantismus, Teil eines 660 Millionen Franken teuren Ausbaus der Autobahn. Immerhin steht der Kreisel auf Pfählen und bietet parkierten Booten ein sicheres Dach.

Eine positive Überraschung gibt’s gleichwohl: Ich bin nicht der einzige mit dem Zweirad hier. Der Veloweg führt über verlassene Bahngleise, unter die erwähnte Krake und entlang des idyllischen Steinibachs mit schattigem Gewächs. Ein kurzes Glück, das die Verdammnis umso klarer vor Augen führt.

Verloren und ohne Hoffnung

Verschnaufpause im leider gar nicht kühlen Pilatusmarkt, der eigentlich kein Shoppingcenter, sondern lediglich ein zu gross geratener Coop mit Anhang ist. Ein bisschen Schuhwerk, etwas Bau und Hobby und den üblichen Quatsch. 1300 Parkplätze geben zu verstehen, welche Klientel man hier anpeilt. Eine Klientel, die über die Strassen und Autobahnen in alle Richtungen möglichst schnell wieder verschwindet.

Der Schlund ist die Amerikanisierung der Luzerner Agglomeration. Verloren und ohne Hoffnung für die Zukunft. Dieser gottlose Ort kommt meiner persönlichen Hölle sehr nah. Wer nach dem Schlund-Trip wieder in der Naturoase Allmend ankommt, fühlt sich wie im Himmel.

Der Text entstand in der Reihe «Meine persönliche Hölle»