Ein Zürcher Schulhaus hat eine geschlechtsneutrale Toilette eingeführt – ohne grossen Aufwand oder Probleme.

Ein Zürcher Schulhaus hat eine geschlechtsneutrale Toilette eingeführt – ohne grossen Aufwand oder Probleme. (Bild: Philipp Baer)

Das WC für alle kommt in die Schulhäuser

Magazin «Bildung Schweiz», Mai 2023

In Skandinavien gehören geschlechtsneutrale WCs an Schulen zum Standard. Gilt das bald auch in der Schweiz? Ein Zürcher Schulhaus macht vor, wie mit pragmatischen Lösungen ideologische Debatten vermieden werden können. Auch in Bern und Luzern sind genderneutrale WCs geplant.

Die Stadtzürcher Sekundarschule Käferholz hat schon mehr als 75 Jahre auf dem Buckel. Und seit einem Jahr ist sie eine Pionierin: Im Erdgeschoss steht eine genderneutrale WC-Anlage. «Die Umsetzung war kein Problem, das ging schnell und unkompliziert», sagt Schulleiter Aaron Schnyder. Der Wunsch kam von Jugendlichen, die sich als nichtbinär definieren: Sie ordnen sich weder ausschliesslich dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zu.

Es stellte sich die Frage: Welches WC benützen sie? Eine Frage, die einige als Bagatelle abtun – doch die Schulleitung schenkte dem Anliegen Gehör. «Es ist nun mal so, dass einige Jugendliche das Bedürfnis nach genderneutralen WCs haben, also haben wir das Machbare getan», sagt Schnyder.

Einfach Schilder auswechseln

Zusammen mit der Schulsozialarbeiterin haben Interessierte eine Toleranzgruppe ins Leben gerufen, die sich regelmässig trifft. Daraus habe sich die Lösung für die WCs ergeben. Baulich sei im alten Schulhaus alles vorhanden gewesen. «Wir mussten nur die Schilder auswechseln und neue Schlösser montieren», sagt Schnyder. Nun kann man die bestehenden Kabinen mit Pissoir und WC abschliessen.

Die geschlechtsneutralen Toiletten stehen allen Lernenden – unabhängig ihres Geschlechts – zur Verfügung. Reaktionen aus der Elternschaft oder von anderen Schülerinnen und Schülern sind ausgeblieben, abgesehen von einzelnen Fragen. «Das WC ist bei uns gar kein grosses Thema mehr, es gehört zum Alltag», sagt Schnyder.

Tradition pflegen

Schnyders Pragmatismus steht im Kontrast zur Kontroverse, die das Thema in Politik und Medien auslöst. «Daraus wird eine Riesengeschichte gemacht, die nicht nötig wäre», findet Schnyder. Mit der Riesengeschichte meint er etwa die Debatte im Zürcher Stadtparlament vor einigen Monaten. Denn das Schulhaus Käferholz hat vorweggenommen, was im neuen Raumprogramm für die Stadtzürcher Schulen zum Standard erhoben wurde. Dort steht seit Ende 2022: «WC-Anlagen sind (…) zu einem Drittel für Mädchen, zu einem Drittel für Knaben und zu einem Drittel genderneutral zu signalisieren. Die genderneutralen WC-Anlagen stehen allen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung.»

Die SVP kritisierte den «Gender-Gaga» lautstark, aber letztlich ohne Erfolg. Der Zürcher Stadtrat will mit dem neuen Standard einen Beitrag leisten, «damit Menschen ihre Geschlechtsidentität leben können» – unabhängig von der Anzahl Betroffener. Die Stadt führe keine Statistik über Geschlechtsidentität. «Der Schutz und die Respektierung von Minderheiten hat in der Schweiz eine lange Tradition, auch an der Stadtzürcher Volksschule.» Kommt hinzu, dass geschlechtsneutrale WCs in vielen Lebensbereichen schon lange Standard sind: in kleinen Restaurants, Flugzeugen, Zügen oder zu Hause. Auch die neuen öffentlichen WCAnlagen sind nicht mehr nach Geschlechtern getrennt – ohne dass dies für Aufsehen gesorgt hätte.

Die Umstellung an den Schulen wird nicht von heute auf morgen passieren. Denn WCs werden nur angepasst, wenn Renovationsbedarf besteht, neu gebaut wird oder eine Schulleitung Bedarf anmeldet – so wie im Schulhaus Käferholz. Weil die gesamte Anzahl WCs (eines pro Klasse) nicht verändert werde, fallen keine Mehrkosten an, teilt die Immobilienabteilung der Stadt Zürich mit. In Gemeinschaftsbereichen – etwa Mensen, Sporthallen oder Bibliotheken – seien weiterhin Einzelkabinen vorgesehen, die nach Geschlechtern getrennt sind. Und in Knaben- und Herren-WCs mit mehreren Kabinen werden weiterhin auch Pissoirs eingesetzt. Die Lösung sei pragmatisch und biete grosse Flexibilität. Neue Regeln seien für die genderneutralen WCs nicht nötig, weil es jedem Kind freigestellt sei, das WC zu benutzen, das ihm passt.

Mehr gemischte Bereiche

Neben Zürich sind weitere Städte daran, in Schulhäusern WCs für alle zu installieren. Die Stadt Bern will Unisex-Toiletten und genderneutrale WCs zum Standard machen, wenn Schulhäuser saniert oder neu gebaut werden. Sie sind bindend in den Raumprogrammen verankert, teilt die Abteilung Immobilien Stadt Bern mit. Laut dem Aktions-plan zur Gleichstellung sollen neben geschlechtergetrennten Toiletten-, Dusch- und Garderobenanlagen «nach Möglichkeit» auch gemischtgeschlechtliche Bereiche eingeführt werden.

Der Auftrag in Bern ist noch neu. Erste positive Rückmeldungen gebe es aus dem Hallenbad Weyermannshaus, wo gemischte Bereiche bereits umgesetzt wurden. Für die maximale Inklusion hat Bern für den Bau, die Ausstattung und die korrekte Beschriftung ein Merkblatt erarbeitet. Als Erstes umgesetzt werden geschlechtsneutrale Toiletten im Schulhaus Enge, das derzeit saniert wird. Gemäss der städtischen Immobilienabteilung ist dies die erste Schule in Bern, bei der Universal-WCs bereits bei Projektbeginn eingeplant werden.

Die Stadt Luzern ist ebenfalls daran, in allen öffentlichen WC-Anlagen genderneutrale und hindernisfreie WCs anzubieten. Dazu gehören auch Schulgebäude, wenn sie saniert oder neu gebaut werden. Auslöser war ein Vorstoss der städtischen SP, der vom Stadtrat und dem Stadtparlament Ende 2022 befürwortet wurde. In Schulhäusern soll jeweils eine genderneutrale, hindernisfreie WC-Anlage pro Gebäude eingerichtet werden – vorzugsweise im Erdgeschoss. Umgesetzt seien die Unisex-WCs noch in keinem Schulhaus. Nun werden Nachrüstungen vorgenommen und die WCs entsprechend beschriftet.

Gerechte Bildung gewährleisten

Sigmond Richli von Transgender Network Switzerland (TGNS) begrüsst diese Bestrebungen sehr. «Es ist an der Zeit, dass es endlich zusätzliche genderneutrale WCs, aber auch Garderoben und Duschen gibt. Nicht nur in Schulhäusern, sondern auch in Schwimmbädern, Sportanlagen und an öffentlichen Orten.» Diese Massnahmen würden der Sicherheit und Gesundheit aller Kinder zugutekommen. «Es wird weiterhin WCs für Mädchen und Buben geben, es wird also niemandem etwas weggenommen.»

Trans und nicht-binäre Kinder hätten genau wie alle anderen Kinder Anrecht auf die Wahrung ihrer Würde und den Zugang zu sanitären Anlagen, so Richli. «Ein gerechter Zugang zu Bildung kann nicht gewährleistet werden, wenn Kinder sich vor dem Gang aufs WC fürchten müssen.» Gerade an Orten wie WCs oder Garderoben seien Kinder besonders verletzlich, begründet Richli.

Trans und nicht-binäre Kinder seien häufiger Gewalt und Mobbing ausgesetzt als andere Kinder. Zudem würden auch schwule oder lesbische Kinder von den Bestrebungen profitieren: «Oft werden auch sie gewaltsam aus gleichgeschlechtlichen Räumen ausgeschlossen und auch sie brauchen eine sichere Alternative», so Richli.

Einfach ausprobieren

Zurück ins Schulhaus Käferholz. Dort haben sich Themen wie Chancengleichheit, Toleranz und Fairness mit der WC-Frage nicht erledigt. Die Toleranzgruppe greift weiterhin Probleme im Schulalltag auf und diskutiert Lösungen. «Die Jugendlichen haben oft bessere und pragmatischere Lösungen als wir», sagt Schulleiter Schnyder. So wurde auch für die Forderung nach kostenlosen Hygieneartikeln für Mädchen eine pragmatische Lösung gefunden: In allen Frauentoiletten liegen Kistchen mit kostenlosen Binden und Tampons.

«Wir haben das einfach ausprobiert und bisher keine Probleme oder Diskussionen gehabt.» Sein Team lasse sich von ideologischen Debatten nicht beirren. «Wir machen, was nötig ist und wollen als Schule den Jugendlichen zugutekommen.» Zudem gebe es grössere und kompliziertere Probleme als WCs. Den Politikerinnen und Politikern rät er: «Wieder mal ein paar Tage an einer Schule zu verbringen.»