Der Mann für den Neuanfang: Markus Hongler ist seit Anfang Jahr Stiftungsratspräsident des Lucerne Festivals. (Bild: jwy)

Lucerne Festival: Wieso der Präsident gehen musste – und was der neue anpackt

zentralplus, Februar 2020

Erster Auftritt des neuen Stiftungsratspräsidenten des Lucerne Festival: Mobiliar-Chef Markus Hongler schaut nach dem reinigenden Gewitter nach vorn. Wie es zum Wechsel im Präsidium kam – und was er jetzt anders macht als sein glückloser Vorgänger.

Für das renommierte Lucerne Festival – üblicherweise mit wohlwollenden Feuilleton-Besprechungen verwöhnt – waren es Wochen mit ungewohnten Schlagzeilen. Machtspiele, Mobbing, Putsch und eine missglückte Kommunikation machten Ende vergangenen Jahres die Runde.

Zwei Monate später trat am Mittwoch nun der neue Präsident der Stiftung Lucerne Festival erstmals öffentlich auf. Mobiliar-Chef Markus Hongler ist seit Anfang Jahr der neue starke Mann an der Seite des Intendanten Michael Haefliger. Er ist seit 2012 im Stiftungsrat und begleitet das Festival schon einige Jahre.

Symptomatisch für die Situation: Letztes Jahr lautete das Festival-Motto «Macht». Dieses Jahr: «Freude». «Die Macht haben wir auch gelebt», scherzte Haefliger. Die «Freude» soll nun mit Beethoven zurückkommen (siehe Box).

Zur Macht: Der bisherige Stiftungsratspräsident Hubert Achermann war der Verlierer der Schlammschlacht. Er trat Ende 2019 nach einem Konflikt Hals über Kopf und unfreiwillig zurück (zentralplus berichtete). Michael Haefliger selbst war die treibende Kraft hinter dem Abgang, sagt eine gut informierte Quelle. Doch dazu später.

Auch der Leiter der Nachwuchs-Sektion Dominik Deuber musste seinen Platz räumen, nachdem er den Intendanten des Mobbings bezichtigt hatte. Sein Vertrag wurde inzwischen aufgelöst, eine Nachfolge wird gesucht.

Viele Worte verlor Haefliger dazu nicht: «Leider ist es zu einem ernsthaften Konflikt gekommen, der auch das Team getroffen hat.» Die Trennung wurde unausweichlich.

Markus Hongler stellte klar: «Ich werde alles daran setzen, den entstandenen Schaden wieder zu beheben. Ich bin zuversichtlich, dass uns das schnell gelingen wird.»

Hongler stand schon länger als neuer Präsident fest

An der Medienkonferenz vom Mittwoch wurde deutlich, dass man die Vorgeschichte schnell hinter sich bringen und zur Tagesordnung übergehen will. Wie und ob sich Michael Haefliger und Hubert Achermann in die Haare geraten sind, was es mit den Putsch-Vorwürfen auf sich hat und was genau zur Eskalation geführt hat – das blieb offen.

Im Fokus stand das bevorstehende Festival-Jahr, das zum ersten Mal ohne die beiden Neben-Festivals im Frühling und Herbst auskommt und dafür auf zwei neue Konzert-Wochenenden setzt (zentralplus berichtete).

Hongler – selber in einer Musiker-Familie gross geworden – zeigte sich in seiner Begrüssung versöhnlich und verkündete neue Informationen: Er wurde schon vergangenen Mai als Nachfolger für Achermann angefragt und sagte sofort zu. Dies jedoch erst für 2021, wenn er seinen CEO-Posten bei der Mobiliar aufgeben würde. Es kam bekanntlich anders und der Konflikt im Sommer erforderte schnelle Massnahmen.

Die Auseinandersetzung habe die Aufgabenteilung zwischen dem Präsidenten und dem Intendanten betroffen – zusätzlich habe ein Arbeitskonflikt hineingespielt, so Hongler in Anspielung auf Dominik Deuber, der mehr Ressourcen und Kompetenzen verlangte. «Es wurde schliesslich entschieden, den Wechsel im Präsidium vorzuziehen.»

Er selber stehe in einem guten Kontakt zu Hubert Achermann, versicherte Hongler. «Ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er viele Jahre dem Festival geopfert hat.»

Markus Hongler hat seinen ersten öffentlichen Auftritt als neuer starker Mann an der Seite von Intendant Michael Haefliger. (Bild: jwy)

Das Drama im Dezember

Mitte Dezember, als der erzwungene Rücktritt Hubert Achermanns publik wurde, klang das alles noch weit dramatischer. Vom Festival wurde die Trennung nur äusserst knapp bekannt gegeben, als Hongler als neuer Präsident vorgestellt wurde.

Achermann suchte mit einem scharfen Communiqué von PR-Mann Sacha Wigdorovits am gleichen Tag die Öffentlichkeit. Aus der Stiftung Freunde des Lucerne Festival, die ebenfalls von Achermann präsidiert wurde, folgten ihm aus Loyalitätsgründen zwei weitere Stiftungsräte und die Geschäftsführerin. «Sie sehen die Integrität der Führung des Festivals in Gefahr und befürchten einen grossen Reputationsverlust», lauteten die Vorwürfe.

Stiftungen rücken zusammen

Er und Achermann hätten beschlossen, darauf zu verzichten, das Geschehene in der Öffentlichkeit zu kommentieren, sagte Hongler am Mittwoch vor den Medien. «Wir schauen nach vorne und lassen die Ereignisse hinter uns.» Es geht nun um Schadenbehebung und darum, wieder die Musik ins Zentrum zu rücken.

Als erste Massnahme werden die bisher getrennten Stiftungen der Freunde und des Festivals organisatorisch zusammenrücken und als Einheit auftreten. «Für das Publikum soll es nur ein Lucerne Festival geben», so Hongler. Zudem will er die Kommunikation und den Info-Fluss zwischen den beiden Stiftungen verbessern. «Damit Entwicklungen wie letztes Jahr hoffentlich nicht mehr geschehen», sagte er.

Und bei all den Konflikten könnte glatt vergessen gehen, dass das Festival erfolgreich unterwegs ist: 2019 war künstlerisch wie finanziell ein sehr guter Jahrgang, betont Hongler. «Das ist alles andere als selbstverständlich», sagt er. Man denke etwa an die Zürcher Festspiele, die 2020 zum letzten Mal stattfinden, weil dem Anlass das Geld ausgegangen ist.

Gute Gründe für den Abgang

Aus dem Umfeld der Freunde des Lucerne Festival weiss zentralplus, dass dem Abgang von Achermann mehr als ein Arbeitskonflikt zugrunde lag. Es habe gute Gründe für die Trennung gegeben, und diese sei intern weit wohlwollender aufgenommen worden, als von Achermann kommuniziert, sagt eine gut informierte Quelle.

Der Stiftungsratspräsident Hubert Achermann habe es in den letzten Jahren versäumt, das Lucerne Festival als wichtige Netzwerk-Plattform von Wirtschaftsvertretern zu erhalten, und es sei ihm zu wenig gelungen, die Freunde des Lucerne Festival bei Laune zu halten. Die Stiftung hat den Zweck, das Festival ideell und finanziell zu unterstützen und ist wichtig für das Fundraising.

Also doch kein Putsch

Achermann sei zusehends als Risiko für den kommerziellen Erfolg des Festivals gesehen worden. «Als Musikfestival ist das Lucerne Festival inhaltlich international top, aber als Plattform für den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft hat es zu wenig getan», sagt der Insider.

Darum habe Michael Haefliger letztlich bei der Stiftung den Abgang des Präsidenten gefordert – ein durchaus mutiger Schritt: Der Intendant stellte seinen eigenen Chef bei der Stiftung infrage. «Das war kein Putsch, sondern Michael Haefliger wollte schlicht das Beste für das Lucerne Festival», heisst es.

Zur Versöhnung mit Beethoven

Hongler ist jetzt der Mann für den Neuanfang: Er verkörpert die beliebte und genossenschaftlich organisierte Mobiliar-Versicherung und kennt das Festival und dessen Strukturen von innen. Er wird sich nach seinem Abgang bei der Mobiliar 2021 kraft seiner Beziehungen und Kenntnisse für das Festival einsetzen.

15 Minuten Vergangenheitsbewältigung mussten schliesslich für den Moment reichen, die Anwesenden wollten über das Programm sprechen. Das Beethoven-Jahr: Es soll versöhnen statt spalten. Und es kommt für das Festival keinen Tag zu früh.