Weshalb am Ende alle in der Küche landen

SRF Kultur, Juni 2022

Kuno Lauener hockt «ir Chuchi», Lara Stoll spielt da sogar Tennis: Was macht die Küche so anziehend? Ein Blick auf das Zentrum unserer Wohnung – früher und heute.

«I hocke im Näbu
Ir Chuchi im Egge
U frisse Chummer us Büchse
Zwüsche de Zigarette»

(Züri West: Fische versänke)

Kuno Lauener, Sänger und Liederschreiber von Züri West, zelebriert in etlichen Songs den Küchentisch als Lieblingsort des Melancholikers. Das Bild des einsamen Mannes spätnachts unter der Lampe des Küchentischs.

Dort sind auch viele seiner Texte entstanden, erzählte er kürzlich der NZZ: «Ich versuche mich immer auf eine Szene zu konzentrieren, die nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben meines Protagonisten zeigt. Wie unter dem Lichtkegel der Küchentischlampe, der Rest bleibt im Dunkeln.»

Die Küche ist das Zentrum der Wohnung, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Hier trifft sich die Familie, werden Hausaufgaben gelöst oder Zeitungen gelesen. Es wird diskutiert, debattiert, geschwiegen, gelacht oder es werden Tränen vergossen. Und am Schluss jeder WG-Party landen alle in der Küche.

Autoren schreiben «ir Chuchi»

Ob Ad-hoc-Konzerte, späte Partys oder einsame Stunden des Melancholikers: Kein Wunder, wählen Liedermacher oder Autorinnen die Küche als Inspirations- und Schaffensort.

Die Schweizer Gruppe «Bern ist überall» – u.a. mit Beat Sterchi, Michael Stauffer und Pedro Lenz – hat 2013 ein Hörbuch dem gemütlichsten Platz in der Wohnung gewidmet. «Ir Chuchi» ist eine Hommage mit zwölf Stücken, die allesamt in der Küche aufgenommen wurden und den kreativen Rückzugsort regelrecht zelebrieren.

Für die Slam-Poetin, Filmemacherin, Musikerin und Autorin Lara Stoll ist die Küche «als kognitiver Schaffensraum kaum mehr wegzudenken». In ihrem ersten Buch «Hallo» schreibt sie von Frittierpartys in ihrer Küche, die durch Haschkekse ein vorzeitiges Ende finden.

Wenn sie nicht auftrete oder probe, schreibe sie meist zuhause. Sie teste diverse Orte und schaue, wo die Kreativität am besten fliesse. «Meistens drehe ich regelrechte Runden in der Wohnung. Beginnend beim Sofa. Manchmal stehe ich sogar an der Kommode im Badezimmer, um zu arbeiten. Früher oder später lande ich aber immer in der Küche», erzählt sie.

Die Küche sei der ideale Kompromiss: «Der Kaffee ist stets in greifbarer Nähe, und man kann sich in den Pausen ans Fenster stellen und kauzig vor sich hin grummeln.»

Was macht denn die Küche aus? «Dass es eben nicht das eigene Zimmer ist. Dass es ein anderer Raum ist, der nichts mit Liegen, Schlafen und Netflix zu tun hat», so Lara Stoll. Wer also kein Büro oder Atelierplatz habe, nutze für die Arbeit die Küche.

Das wäre theoretisch auch in einer heutigen Wohnküche möglich – aber: «Wer eine moderne, offene Wohnküche verfügt, hat meistens auch ein Büro, das sich dann vielleicht eher für die Arbeit eignet», sagt Lara Stoll. Dafür habe sie in einer modernen, offenen Küche einmal «ein bisschen Tennis gespielt». Etwas, was in ihrer Grummel-Küche nicht möglich wäre.