Wo sich neue Perspektiven auftun

LUKB-Magazin WERTPAPIER, 2020

Trotz unsicheren Zeiten: Für Gastronomie, Industrie, Tourismus und Gesellschaft ergeben sich in Luzern auch neue Chancen. Eine Spurensuche bei Betroffenen.

Die Strassen belebt, die Restaurants voll, der Lockdown fast vergessen: Die Normalität hat uns vordergründig schnell wieder eingeholt. Doch Gesellschaft, Wirtschaft, Gastronomie und Tourismus haben durch die Pandemie einen beispiellosen Einschnitt erlebt.

Wie gehen Betroffene mit der neuen Realität um? Wie beurteilen Unternehmerinnen und Experten die langfristigen Konsequenzen? Und gibt es die vielzitierte Chance in der Krise tatsächlich?

Gastronomin: «Ich sehe ganz viele Chancen.»

In der Not sind schnelle Entwicklungen möglich, die zuvor undenkbar waren. Das sieht man zum Beispiel in den Luzerner Strassen, wo die Boulevardgastronomie unbürokratisch mehr Platz erhält. Könnte daraus eine langfristige Belebung des öffentlichen Raums folgen? Klar ja, hofft Gastronomin Simone Müller-Staubli. «Die sonst oft restriktive Stadt hat sehr schnell reagiert. Die Plätze sind viel belebter. Ich hoffe, das bleibt so.»  

Müller-Staubli ist Verwaltungsrätin der Agentur Schatz AG, die 25 Gastronomie- und Hotelbetriebe mit insgesamt fast 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut. Darüber hinaus ist die Unternehmerin in verschiedenen Restaurants engagiert, etwa im «Zur Werkstatt» in der Luzerner Neustadt, im neuen «Franz» im Hotel National oder im «Seehaus» beim Lido. Gäste und Betriebe haben aus ihrer Sicht erstaunlich schnell wieder zur Normalität gefunden, die Zahlen seien wieder fast auf dem alten Niveau.

Zwar leiden auch ihre Lokale unter weniger internationalen Touristen, auch sie mussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und haben sicherheitshalber einen Covid-Kredit aufgenommen. Entlassen wurde niemand, typische Sommerbetriebe haben aber auf die sonst übliche Rekrutierung verzichtet. Simone Müller-Staubli will nicht klagen – im Gegenteil: «Die Betriebe sind jetzt sogar besser aufgestellt als vor der Krise. Wir haben schnell reagiert und während des Lockdowns mit den Verantwortlichen intensiv gearbeitet.»

Während andere in Lethargie verfielen, gaben sie Gas und dachten an die Zukunft. Ein kleines Team produzierte in der erzwungenen Pause Youtube-Clips für jene in Kurzarbeit, um Ideen und Wissen auszutauschen. «Ich will die Situation nicht schönreden, nicht alles ist toll, aber ich sehe ganz viele Chancen», sagt Müller-Staubli. Zudem habe ihre Branche im Gegensatz zu anderen eine sehr starke mediale Beachtung genossen. Mit ihren Geschäftspartnern hat sie in den letzten Jahren etliche Betriebe neu eröffnet oder übernommen. «Das Tempo war schon etwas hoch», gibt sie zu. Es sei streng, immer im Risiko zu sein. Folgt nun ein Gesundschrumpfen der Branche? Sie glaubt das nicht: «Die Gastronomie ist so fragmentiert und lebendig. Wenn einer eingeht, kommt der Nächste – vielleicht diesmal nicht sofort, aber sicher bald.»

Krisenmanager: «Die Luzerner Bevölkerung hilft mit.»

Er setzte sich mit dem eingetretenen Risiko schon lange auseinander: Vinzenz Graf ist seit 2013 Chef des kantonalen Führungsstabs. Das Gremium aus Verwaltung, Spezialistinnen und Spezialisten sowie Notfallorganisationen kommt als gesamter Stab zum Glück so gut wie nie zum Einsatz – ist aber im Ernstfall innert weniger Stunden einsatzbereit. «Dass Strukturen, Personal, ICT-Infrastruktur, Hotline und Zivilschutz tatsächlich funktionieren, weiss man erst im Ernstfall», sagt Graf. Der letzte solche Ernstfall liegt 15 Jahre zurück: Beim Hochwasser 2005 wurde auch der gesamte Führungsstab aufgeboten.

Der 61-jährige Feuerwehrinspektor und sein Team koordinieren im Katastrophenfall die kantonalen Tätigkeiten und beraten den Regierungsrat sowie die Gemeinden. «Dass eine Pandemie eintritt, war nicht überraschend. Vor zwei Jahren haben wir mit einer grösseren Übung den Fall einer Tierseuche trainiert», sagt Graf. Überrascht hat ihn hingegen das Ausmass des Informationsbedarfs im Ernstfall: «Wir versuchten mit unserer Hotline alle Fragen zu beantworten, zeitweise hatten wir 18 Telefone rund um die Uhr besetzt.»

Graf glaubt, dass die Pandemie in Bezug auf das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden einen bleibenden Effekt haben wird. «Kritik muss möglich sein, aber man sieht, dass man auf andere angewiesen ist und unterstützt sich gegenseitig. Die Luzerner Bevölkerung hat sich mit einigen Ausnahmen sehr gut verhalten und ist bereit mitzuhelfen, das finde ich hervorragend.»

Die grosse Aufarbeitung der Krise folgt noch, aber Graf zieht schon seine Lehren für die Zukunft: Da wäre zum einen, dass im Gesundheitswesen genügend Schutz- und Verbrauchsmaterial für den Pandemiefall bereitsteht. «Betriebe müssen für mindestens drei Monate die eigene Versorgung mit Schutzmaterial sicherstellen. Das ist ein wichtiger Punkt, den wir anschauen.» Und die Krise habe die Wichtigkeit des Zivilschutzes aufgezeigt: «Dies ist unsere Reserve im Kanton für solche Fälle, weil sie sehr flexibel und vielfältig einsetzbar ist. Doch es fehlt das Fachpersonal für die Pflege und Betreuung.»

Der Krisenstab ist jetzt wieder zurückgefahren, aber in einem Teilstab weiterhin im Einsatz. Massnahmen wie das Drive-in-Testzentrum auf der Allmend, die Notbetten in Nottwil, die Hotline oder das Freiwilligenbüro könnten jederzeit wieder hochgefahren werden. «Das Coronavirus ist nicht verschwunden. Wir müssen aber auf jeden Fall verhindern, dass es wieder zu einem schnellen Anstieg kommt», sagt Graf.

Trotz anspruchsvollen Entscheiden fand er die Situation als oberster Krisenmanager nie belastend, auch weil der Kanton Luzern glimpflich davongekommen ist. «Im Nachhinein kann man natürlich immer sagen, dass wir zu viel gemacht haben. Aber wir in der Verantwortung mussten aufgrund der damaligen Prognosen mit dem Schlimmsten rechnen.»

Tourismusforscher: «Eine Chance, den Tourismus zu entwickeln.»

Mit dem Schlimmsten muss in Luzern auch der Tourismus rechnen – erst für 2023 dürfte er sich laut Prognosen der Dachorganisation «Luzern Tourismus» wieder erholen. Vor Kurzem fanden noch 80 Prozent der Luzernerinnen und Luzerner, dass es in der Altstadt zu viele Touristen hat – inzwischen sind die Hotelübernachtungen eingebrochen und erste Hotels mussten Angestellte entlassen.

Beim Tourismus stehen Menschen im Zentrum, darum reagiert der globale Reiseverkehr besonders anfällig auf weltpolitische Ereignisse wie Krisen oder Kriege – das hat die Geschichte schon mehrfach gezeigt. Tourismusforscher hatten auch Pandemien als Risikofaktor auf dem Radar, aber nicht in diesem Ausmass. «Nicht nur der weltweite Tourismus ist durch die Pandemie eingebrochen, sondern auch der lokale Konsum und das ganze Alltagsleben sind weggefallen», sagt Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern. Er forscht über Besucherzahlen, Touristenströme und neue Strategien im Umgang mit dem befürchteten Overtourism.

Das Alltagsleben, der Restaurantbesuch, die lokale Naherholung und Gäste aus der Schweiz und Europa sind inzwischen teilweise wieder zurück. Für den internationalen Tourismus rechnet aber auch er nicht vor 2022 mit einer Rückkehr auf das alte Niveau. Zudem sei die weitere Entwicklung abhängig vom künftigen Verlauf der Covid-19-Pandemie. «Der globale Tourismus aus den USA und Asien braucht wahrscheinlich einen Erholungszyklus von mehreren Jahren.»

Sollte man den Einbruch als Gelegenheit nutzen, um den Tourismus neu zu erfinden? Diese Gedanken macht sich die Tourismusdestination Luzern mit der Strategie 2030 ohnehin – die jetzige Erfahrung erhöht die Dringlichkeit. «Der Einbruch ist eine Chance, um den Tourismus anders zu entwickeln: positive Eigenschaften nutzen und kritische Punkte wie das starke Wachstum des Gruppengeschäfts besser gestalten», sagt Stettler.

In den letzten Jahren sind auch aus China immer mehr Touristinnen und Touristen individuell statt in Gruppen nach Luzern gereist, Schätzungen gehen von bis zu 40 Prozent aus. Aber der Wunsch, den Gruppentourismus nach der Krise möglichst schnell wieder zu stimulieren, sei stark spürbar, so Stettler. Er relativiert allerdings den Einfluss: «Eine hohe Nachfrage ist durch Preise oder Einschränkungen einfacher nach unten regulierbar. Eine fehlende Nachfrage zu stimulieren, ist hingegen viel schwieriger. Wenn die Kasse leer ist, hat man schlicht weniger Handlungsmöglichkeiten.»

Mehr Gäste aus der Nähe anzuziehen, sei zudem nicht einfach: «Im Gegensatz zum asiatischen Wachstumsmarkt haben der inländische und europäische Tourismusmarkt nur ein sehr beschränktes Wachstumspotenzial. Da ist eine Zunahme nur auf Kosten der Mitbewerber möglich», sagt Stettler. Und schliesslich werden auch Schweizerinnen und Schweizer schnell wieder ins Ausland verreisen, wenn die Angebote locken. «Sobald Lockerungen kommen, sind die Regeln schnell vergessen.» Die Nachhaltigkeit werde zwar langfristig im Tourismus an Bedeutung gewinnen, ist der Experte überzeugt. Wie sich diese zusammen mit der Pandemie auf das zukünftige Reiseverhalten auswirken werde, sei aber noch unklar.

Industrie: «Eine stärkere lokale Produktion.»

Mit Flexibilität und Know-how: Industriebetriebe in der Region passten sich schnell an die Notsituation an. Sie mischten Desinfektionsmittel, produzierten neben Kaffeemaschinen neu Beatmungsgeräte oder lieferten unverzichtbare Komponenten für Spitäler weltweit im Akkord. Herausgefordert wurde auch die 1973 gegründete B. Braun Medical in Sempach, eine Tochtergesellschaft des deutschen Weltkonzerns B. Braun Melsungen.

Am Standort Sempach forscht, entwickelt und produziert das Unternehmen im Bereich Desinfektion und Hygiene. Aktuell investiert es 70 Millionen Franken in einen Neubau, der 2023 in Betrieb gehen und die Produktionskapazität verdoppeln soll. Der Bedarf an Desinfektionsmitteln nimmt nicht erst seit Corona zu: «Die Nachfrage steigt seit rund 20 Jahren, nun sind wir mit weltweiten Bestellungen überschwemmt worden, das war enorm», sagt Roman Kübler, CEO von B. Braun Schweiz. Und der Boom dürfte – dank des neuen Bewusstseins für saubere Hände und Oberflächen – anhalten. «Die Krise hat ins Bewusstsein gerufen, wie wichtig diese Produkte sind.»

Das Unternehmen hat zwei weitere Standorte im Kanton Luzern: In Escholzmatt produziert es unter anderem Spritzen für Infusionspumpen und am Luzerner Kantonsspital ist es mit der SteriLog für die sterile Aufbereitung von Instrumenten zuständig. Weil Medizintechnik systemrelevant ist, liefen die Maschinen bei B. Braun heiss und der Warenverkehr kam nie zum Erliegen. «Wir hatten glücklicherweise keine Ansteckungen und keinerlei Vorfälle und konnten immer liefern», sagt Kübler. Produziert wird im sogenannten Reinraum: Strikte Vorschriften, Schutzkleidung und ein Unterdruck in den Produktionshallen sorgen dafür, dass Viren und Bakterien keine Chance haben.

Trotzdem konnte B. Braun den exponentiell gestiegenen Bedarf in der Extremphase nicht immer decken, weil Rohstoffe wie Alkohol fehlten. Die grösste Gefahr lauert also in den Lieferketten. «Wir werden bei den systemrelevanten Rohstoffen grössere Sicherheitsbestände anlegen, um auch in Krisensituationen eine fixe Menge liefern zu können», zieht Kübler ein Fazit. Muss darüber hinaus die Abhängigkeit vom Ausland verringert werden? Pharmazeutische Rohstoffe werden inzwischen fast nur noch im asiatischen Raum produziert. Wenn der Schiff- oder Flugverkehr einbricht, wird es problematisch. «Ich würde mir eine verstärkte lokale Produktion wünschen, aber wir müssen dann auch bereit sein, mehr zu bezahlen», sagt Kübler.

Krisen sind schnell vergessen und der Preisdruck ist hoch – aber Kübler ist für die hiesige Wirtschaft optimistisch, weil hochspezialisierte und zuverlässige Unternehmen in Notsituationen ihre Stärke ausspielen können. «Wir sind sehr strukturiert, standardisiert und flexibel.» Und er stellt in Krisenzeiten eine Rückbesinnung auf Qualitätsprodukte fest, wenn es um die Gesundheit geht, erst recht. «Das hat seinen Preis, aber in der Industrie setzt sich langfristig die Qualität durch.»

Theologe: «Ich hoffe, dass die neue Solidarität überlebt.»

Peter G. Kirchschläger ist Theologe, Philosoph und Professor für theologische Ethik an der Universität Luzern und leitet dort das Institut für Sozialethik. Der 43-Jährige berät nationale und internationale Organisationen wie die OSZE, Unternehmen und NGOs in ethischen Fragen.

Sehen Sie für die Gesellschaft einen Gewinn aus der Pandemiezeit mit all ihren Einschränkungen?

Covid-19 hat uns wachgerüttelt und die eigene Verletzbarkeit vor Augen geführt. Die Ungewissheit und die Erkenntnis, dass es alle treffen kann, zeigen: Wir wissen nie, ob wir jene sind, die helfen müssen – oder ob uns geholfen werden muss. Ein Grund mehr dafür, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde nicht nur für uns in Anspruch zu nehmen und andere davon auszuschliessen.

Schweisst uns die kollektive Erfahrung als Gesellschaft also zusammen? Oder verstärkt sie die Gegensätze?

Ich würde sagen beides. Die grosse Verletzbarkeit und die grosse Ungewissheit betreffen alle Menschen. Andererseits verstärkt eine Krise bereits existierende Ungerechtigkeiten. Benachteiligte, diskriminierte sowie an den Rand der Gesellschaft gedrängte Menschen werden noch stärker marginalisiert. Etwa Menschen auf der Flucht oder in Migration. Da wird es noch politische und wirtschaftliche Massnahmen brauchen, um dem entgegenzuwirken.

Was bedeutet es für eine freiheitliche Gesellschaft, wenn sie von einem Tag auf den anderen mit behördlich verhängten Einschränkungen konfrontiert wird?

Präzise und verhältnismässige Einschränkungen können in Krisensituationen legitim sein. Entscheidend ist, dass sie im Geiste einer freiheitlichen Gesellschaft umgehend wieder aufgehoben werden, wenn sie aus medizinischer Perspektive nicht mehr notwendig sind. Den häufig gehörten Begriff «neue Normalität» finde ich problematisch. Dabei besteht die Gefahr, dass Elemente des Ausnahmezustands zur neuen Normalität erklärt werden. Wir müssen wachsam sein und Sorge tragen zur Privatsphäre, zu den Menschenrechten und zur Demokratie.

Nicht wenige vermissen die Zeit des Lockdowns. Ist das legitim?

Es besteht die Gefahr, dass eine Lockdown-Nostalgie aufkommt und dabei schnell vergessen geht, wie viele Menschen wegen Covid-19 gelitten haben und gestorben sind – oder noch immer leiden und sterben. Meine Hoffnung ist aber, dass die neue Solidarität, die viele im Kleinen erfahren haben, die Krise überlebt.

Welche Erkenntnisse kann die Forschung aus der Krise gewinnen?

Es braucht eine stärkere Zusammenarbeit der Disziplinen und eine kritische Analyse auf allen Ebenen. Nicht nur medizinische Aspekte sind wichtig, sondern auch politische, rechtliche, ökonomische, soziale und psychologische oder ethische Auswirkungen. Sodass wir für ein nächstes Mal besser vorbereitet sind.

Es gab eine Rückbesinnung auf das Lokale. Verlagert sich damit auch die Perspektive vom Grossen ins Kleine?

Die Pandemie war eine Zäsur und somit ein guter Moment für nötige Veränderungen und Reformen, um die Gesellschaft und Wirtschaft fairer zu gestalten. Wenn wir also in Zukunft nachhaltiger wirtschaften und konsumieren, ist das gut. Es wäre wünschenswert, dass wir den Fokus auf das Wesentliche beibehalten und die Solidarität nicht aus den Augen verlieren. Denn bei allen wichtigen Fragen der Gegenwart – globale Armut und Ungleichheit, Klimaschutz, digitale Transformation, künstliche Intelligenz – sind globale Lösungen nötig.