«Ich käme doch nie auf die Idee, das mit einer Note zu bewerten»
Bildung Schweiz, Juni 2026
Im Kanton Aargau sind Noten ab der dritten Primarklasse bald wieder Pflicht. Das stürzt die Schule Rütihof mit seinen altersdurchmischten Klassen und dem notenfreien Unterricht in ein Dilemma. Schulbesuch bei Lehrerin Barbara Portmann, die sagt: «Der Entscheid ruiniert mich.»
Was als Erstes auffällt: der gemütliche Holztisch mitten im Schulzimmer. «Unser Stubentisch», sagt Barbara Portmann. Daneben stehen Pultgruppen im Raum und es gibt diverse Nischen und Rückzugsorte. Die «Stube» befindet sich im Zimmer B1.02., im ersten Stock eines modernen Zweckbaus im aargauischen Baden-Rütihof. Dort gehen 21 Schülerinnen und Schüler ein und aus. Sie besuchen eine altersdurchmischte Klasse – von der ersten bis zur dritten Primar. Im dörflichen Quartier mit 2400 Einwohnerinnen und Einwohnern erinnert nichts an die Stadt Baden, zu der es gehört. Das Schulgelände liegt idyllisch am Waldrand.
Was weiter auffällt: Der Schulbetrieb läuft hier mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit. Ohne Anweisung versammeln sich die Schülerinnen und Schüler im Kreis und nach einem gemeinsamen Lied geht’s über zur Mathematik. Die Lehrerin legt eine von den Kindern gestaltete Lernlandkarte in die Mitte – das «Mathelernall». In den folgenden 45 Minuten zeigen die Kinder, wo sie im Plus- und Minusrechnen stehen. Sie wählen selbst Aufgaben, die ihrem Niveau entsprechen, lösen sie, zeigen sie der Lehrerin und kleben sie in ihr Heft. Es ist eine Leistungsbeurteilung – also ein Test. «Aber keine Testatmosphäre», sagt Portmann.
Denn an der Primarschule Rütihof gibt es während des Schulsemesters seit über zehn Jahren keine Noten mehr. Nicht nur bei den Kleinen, sondern auch für die älteren Schülerinnen und Schüler in den gemischten Klassen ab der vierten Primar. Die einzige Ausnahme sind die Zeugnisnoten Ende Semester, die es auch in Rütihof gibt. «Diese kann ich gut begründen aufgrund meiner Leistungsbeurteilung. Noten brauche ich dafür unter dem Jahr keine», sagt sie.
Portmann dokumentiert die individuellen Fortschritte der Schülerinnen und Schüler mithilfe eines Kompetenzrasters. Statt Anspannung und Prüfungsangst herrscht eine natürliche Geschäftigkeit auf Augenhöhe. Kinder laufen umher, Reden ist erlaubt, nur gegenseitiges Helfen nicht. Lehrerkollegin Julia Doppler läuft durchs Zimmer, beobachtet und notiert. Ab und zu mahnt sie die Kinder diskret. Man vergisst schnell, dass hier Kinder unterschiedlichen Alters arbeiten. Das ist ganz im Sinn der Sache: Jeder und jede arbeitet auf seinem Niveau – aber gemeinsam, statt separiert. «Ihr macht, solange ihr mögt», sagt die Lehrerin. «Das Ziel ist, dass wir wissen, wo ihr steht.»
Die Kinder suchen sich ihre Arbeitsplätze selbst aus. Einige sitzen zusammen an Pulten, andere ziehen sich zurück, wieder andere wechseln in den Nebenraum. Trotz Reden und Bewegung im Zimmer herrscht Konzentration – und vor allem: Die Kinder sind sichtlich motiviert. «Unser System ist wohlwollend. Wir wollen nicht die Stresssituation von klassischen Prüfungen», sagt Portmann, die seit sieben Jahren in Rütihof unterrichtet.
Noten: ungenau und willkürlich?
Doch nun ist das, was sie hier über die Jahre aufgebaut hat, gefährdet. Bereits nächstes Schuljahr sind im Kanton Aargau Noten ab der dritten Klasse wieder Pflicht. Das hat das Kantonsparlament so entschieden – und das löst an der Schule Rütihof Sorge, Kritik und Widerstand aus. Portmann macht aus ihrer Abneigung keinen Hehl: «Das ruiniert mich.» Sie wird zu etwas gezwungen, das sie erfolgreich vermeidet: die Unterscheidung zwischen Erst-, Zweitklässlerinnen auf der einen und Drittklässlern auf der anderen Seite, die sie künftig benoten muss.
Was ist das Problem an Noten? «Noten sind so abschliessend. Wenn ein Schüler heute eine Fünf hat, sagt das nichts darüber aus, wie es am nächsten Tag aussieht.» Ihre Beurteilung sei viel aussagekräftiger, detaillierter und vor allem kindgerechter. Weil sie die individuellen Fortschritte über einen längeren Zeitraum beurteile und nicht die Leistung an Tag X. «Ich versuche den Kindern positive, motivierende Lernerlebnisse zu ermöglichen», sagt sie und nennt ein Beispiel einer Schülerin in der dritten Klasse. Heute kam sie im Rechnen nicht über das Erstklassniveau hinaus. «Mit Noten wäre sie klar ungenügend. Irgendwann würde sie entscheiden: Mathi kann ich ja eh nicht. Aber ich weiss, dass sie an anderen Tagen mehr kann.»
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